Die Jungen aus der Feldstrasse, Teil 51


Sie bemerkten schnell, dass das Licht zu gleichmäßig leuchtete, um von einer künstlichen Lichtquelle zu stammen. Waren sie bisher vorsichtig gewesen, verdoppelten sie jetzt ihre Bemühungen, leise zu sein. Immer wieder horchten sie nach vorne, konnten aber keine Geräusche hören, bis auf den Wind, der leise durch den Gang wehte. Sie ließen ein paar Seitengänge rechts und links liegen, nachdem Kol Therond vorsichtshalber mit seinem magischen Licht hineingeleuchtet hatte, um sicher zu gehen, dass sie nicht gleich von einem Gnom oder mechanischen Oravahler angegriffen wurden.
So fanden sie einen weiteren toten Gnom, der wenige Schritte vor dem Ende des Ganges lag. Ihre Aufmerksamkeit wurde jedoch gleich darauf von dem auf sich gezogen, was sich jenseits des Felsens befand.
Vor ihnen öffnete sich der Gang in einen gewaltigen Schacht, in den von oben die Wüstensonne schien. Direkt vor ihnen fiel der Weg gute fünfzig Meter steil ab. Für einen kurzen Augenblick blickte Tiscio in die Tiefe, voller Angst, dass er die Wand mit einer Hand hinunterklettern musste. Gunnar deutete jedoch gleich darauf auf Steinstufen, die sich die Seite des Schachts hinunterzogen. Bevor sie die erste Stufe nahmen, betrachteten sie noch einmal den Boden des Schachts, der wie ein idyllisches Tal wirkte, mit Palmen, einigen kleinen Feldern, Hütten und ein paar Vögeln, die die Kühle dieses Ortes genossen. Nur die Einwohner schienen zu fehlen.

Beim Marsch hinunter war Tiscio zum ersten Mal erleichtert, dass der Handschuh seine rechte Hand bedeckte, denn so konnte er sich mit der linken an der Felswand abstützen. Die Treppe war gut über einen Meter breit, trotzdem schien dies nicht auszureichen, um einen sicheren Tritt zu gewähren. Jeder Windstoß ließ ihn und auch die anderen fürchten, das Gleichgewicht zu verlieren und in die Tiefe zu stürzen. Immer wieder warfen sie Blicke hinunter ins Tal, was wahrscheinlich nicht zu ihrer Trittsicherheit beitrug. Aber so entdeckten sie, als sie etwa die Hälfte der Treppe überwunden hatten, wie sich zwei ältere Gnome von einer der Hütten in Richtung ihres Ankunftsortes aufmachten. Selbst aus dieser Entfernung waren ihre Nasen deutlich zu erkennen.
Als sie nur noch fünf Meter vor sich hatten, begann der eine Gnom ihnen etwas zuzurufen, was sich in ihren Ohren wie die Mischung einer Krähe und einer wütenden Kuh anhörte (Sie hatten kaum Erfahrung mit Kühen, aber ab und an war jeder von ihnen an einem Markttag auf die großen Tiere gestoßen, die meist entweder panisch oder sehr erbost waren.
"Wir verstehen ihre Sprache leider nicht", brüllte Tiscio zurück, mehr, um sich von seiner Lage abzulenken als dass er sich als das Sprachrohr ihrer Gruppe fühlte.
"Irch verrßte-e äure Sbrarche", rief ihnen der andere Gnom zurück. Er strich sich über seine Nase, was eine Begrüßung sein mochte oder aber nur ein Reflex, weil sie ihm juckte.
Vorsichtig setzten die vier ihren Weg fort.
"Wir verfolgen den Oravahler. Er ist sehr gefährlich. Habt ihr ihn gesehen?"
"Ich glaube nicht, Malandro, dass sie wissen, was ein Oravahler ist", flüsterte Gunnar seinem Freund zu, wobei er jedes zweite Wort mit einem keuchen untermalte, weil ihm sein Netzwerfer inzwischen zu schaffen machte. Es war nur noch ein einziges Netz drin, aber die Schutzweste und sein Werkzeugkasten machten das freigewordene Gewicht mehr als wett.
"Ein ... Mann ... kam. Hat Wärchter getötet ... und mehr." Die Stimme des Gnoms verriet keine Gefühle, seine Augen jedoch zeugten von dem Schmerz, den er empfinden musste. Er deutete zu seiner Rechten. Erst jetzt, nachdem jemand ihre Aufmerksamkeit dorthin gelenkt hatte, entdeckten die Feldstraßler den Eingang zu einer weiteren Höhle.
"Err isßt in DIE CHöhle." Die Art, wie der das "Die" betonte, ließ in Gunnar den Verdacht aufkommen, dass es sich dabei um etwas Besonderes handeln musste.
"Noch eine Höhle?" fragte Malandro, der den Ton nicht mitbekommen hatte.
"Esß isßt DIE Chöhle."
"Sie ist was Besonderes?"
"Esß isßt", der Gnom machte eine ausladende Bewegung mit beiden Händen, die einen großen Raum zu begrenzen schien, "... laaange Geßichte. Habt ihr laaange Zeit?"
"Ja, was ist so besonders?" fragte Tiscio, bevor jemand anderes reagieren konnte.
"Nein, wir müssen hinter dem Oravahler her", rief Malandro hingegen gleich darauf. "Können Sie uns zur Höhle führen?"
"Wir glauben, dass wir ihn töten können, bevor er schlimmeres tun kann."
"Esß isß ein graader Wek." Der Gnom deutete mit einem Blick auf seinen Begleiteter erneut auf den Eingang.
"Haben sie weitere Wächter, die den Ausgang bewachen könnten?"
"Nein", war die einfache Antwort, die mehr eine Ablehnung als eine Feststellung war.
Unterdessen ging Gunnar zur Höhle und lauschte hinein. Alles was er hören konnte, war ein Rascheln und Stöhnen, bei dem er eine Weile benötigte, um es mit den Schiffen im xpochschen Hafen in Verbindung zu bringen.
"Was gehört?"
"Nichts, was einen Sinn ergibt."
"Wollen wir reingehen?"
"Nee, eigentlich nicht."
"Sehr witzig."
Kol Therond setzte sich an die Spitze der kleinen Gruppe.
Bevor er folgte, warf Malandro noch einen Blick auf die Gnome, in der Hoffnung, doch noch ein wenig Verstärkung zu erhalten. Aber nicht einmal die beiden Gnome, die sie empfangen hatten, waren zu sehen. Er hörte jedoch noch, wie der eine Gnom ihnen nachrief: "Haltet eurch won unsircheren Stellen fern."
"Was für unsichere Stellen?" rief Malandro zurück, erhielt jedoch keine Antwort mehr.

Der Gang war nicht lang und führte sie direkt zu einer stinkenden Wand.
"Was ist das?"
Gunnar machte einen Schritt darauf zu und drückte vorsichtig hinein.
"Ich denke, dass ist Holz. ziemlich alt, ziemlich verrottet und sehr stark zusammengepresst."
"Holz? Wieso ist hier altes, verrottetes Holz?"
"Vergiss nicht: zusammengepresst, Tis."
Gunnar warf zuerst einen Blick auf Malandro, dann auf Kol Therond, dann wanderten seine Augen links und rechts die Wand entlang. Auf beiden Seiten hatte jemand einen Gang entlang der Außenwand geschaffen, abgestützt und anscheinend auch verwendet. Was er sehen konnte, waren die verschiedensten Materialien, Formen und Farben, wobei die Materialien vermischt, die Formen zerquetscht und die Farben schmierig, ausgewaschen und dreckig waren.
"Ich glaube ... ich glaube, das ist alles, was in den Mahlstrom geschüttet wurde."
"Sie könnten richtigliegen, Herr van der Linden. Aber nicht nur die Dinge, die hineingeworfen wurden."
Gunnar nickte.
"All die Schiffe, all die Menschen."
"Die ganzen Fische."
"Deswegen stinkt es hier so?"
Alle blickten zu Tiscio, sagten aber kein Wort.
"Aber wo ist der Oravahler?"
Ihre Augen wanderten über die Wand hin zu den Gängen.
"Es wäre angebracht, einem dieser Gänge zu folgen, um ihn zu finden."
"Teilen wir uns auf? Zwei links, zwei rechts?"
"Wir haben nur einen Handschuh. Sollte die falsche Gruppe dem Oravahler begegnen, könnte sie sich nicht verteidigen."
"Also nein."
"Dann gehst du wohl vor, Tis."
"Was?"
"Nein, ich gehe vor. Dann steht keiner im Weg meines Netzes."
"Sehr lobenswert, Herr van der Linden."
Zur Antwort verdrehte Gunnar die Augen und führte sie in den linken Gang.

Erst nachdem sie eine Weile gegangen waren, begriffen sie langsam die Größe der Höhle und damit auch ihres Inhalts. Sie musste einen Durchmesser von gut 500 Metern haben und all dieser Abfall der Geschichte schien sie vollständig auszufüllen.
"Da ist eine Tür." Malandro drückte gegen sie, aber sie war verschlossen. Tiscio lehnte sich neben ihn an die Höhlenwand und hielt seine behandschuhte Hand mit der Linken fest.
"Sieht alt aus."
"Vielleicht war sie schon da, als der Mahlstrom hier hereingekotzt hat." Dabei deutete er auf einige Spuren im Holz, die aussahen, als hätte jemand mit Werkzeugen daran entlanggeschabt.
"Vielleicht. Wen interessiert's."
"Ich glaube da vorne ist auch noch ein Ausgang."
Mit wenigen Schritten standen sie vor einem Gang, der demjenigen ähnelte, durch den sie hereingekommen waren.
"Sind wir schon einmal rum?"
"Nein."
"Wieso bist du dir so sicher, Gunnar?"
Der Angesprochene deutete auf den Müll neben sich. "Der Kram sieht anders aus. Außerdem sind wir noch nicht weit genug gegangen."
"Dann gibt es also noch einen zweiten Ausgang und der Oravahler könnte bereits raus sein."
"Kann sein."
"Wir sollten unseren Weg fortsetzen. Noch ist unsere Aufgabe nicht gescheitert."
Tiscio ließ ein leidendes Seufzen hören, folgte aber seinen Gefährten.

"Jetzt sind wir rum."
"Also zwei Ausgänge."
"Offensichtlich."
"Und was jetzt?"
"Wir gehen wieder zu den Gnomen zurück."
Malandro starrte auf die komprimierte Masse. Wie Gunnar vor ihm, versuchte er sein Glück an dem Abfall, indem er mit seiner Faust hineindrückte. Aber, obwohl er extra gegen ein morsches Holzstück gepresst hatte, hinterließ seine Mühe nicht mehr als einen flachen, brackigen Abdruck.
"Die Gnome müssen ganz schön geackert haben", stellte er mehr zu sich selbst fest.
"Kommst du?"
"Moment noch." Er fixierte immer noch den Abdruck und überlegte für eine Weile, ob er versuchen sollte, mit einem seiner letzten Zauber nach Magie zu suchen, aber was hätte es geholfen? Wenn das Horn oder irgendein anderer magischer Gegenstand in diesem Haufen lag, dann würde er ihn nicht sehen können. Und viel schlimmer noch: Alles Magische, was sich in diesem Haufen befand war vermutlich sehr bewusst hineingeworfen worden, weil man es nicht anders hatte loswerden können. Wollte er einen solchen Gegenstand finden?
Also drehte er sich um und holte wenig später seine Freunde ein.

Die Jungen aus der Feldstrasse